Lunático: GOTAN PROJECT und die vierte Tango-Revolution
| zuletzt aktualisiert : 13.08.2007 14:10 (11516 gelesen)
por Diego Siegelwachs
In April 2006 erschien „Lunático“, das zweite Album von Gotan Project. 2001 hatte das Trio mit „La Revancha del Tango“ die Musikwelt überrascht und ein neues Genre ins Leben gerufen: Electro-Tango. Fünf Jahre danach zeigen sie erneut, dass der inzwischen verbreitete und etablierte Musikstil noch längst nicht an seinem schöpferischen Ende angelangt ist – u.a. bei ihrem Live-Auftritt am 4. Februar in Berlin. Angesichts ihres Erfolges kommen musikinteressierten Fans viele Fragen in den Sinn: Inwiefern hat Gotan Project innerhalb der Musik eine Bewegung in Gang gesetzt? Woran liegt es, dass dieses geschehen konnte? Wurde der „alte“ Tango tatsächlich revolutioniert? Kann Erfolg ein Gütekriterium sein? |
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alolatino
Quelle |
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Este artículo nos fué prestado con mucho gusto por su autor "Diego Siegelwachs".En su página podeis encontrar otras cosas interesantes como por ejemplo su tesis: Sobre los motivos que atraen al público de los lugares bailables: Salsotecas, Milongas, Bares Brasileros y Fiestas de Rock Latino.
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Electro-Tango ist seit 2001 dank Gotan Project in der Welt bekannt und gleichzeitig trendy geworden. Alle lieben ihn – zumindest aber wird er von jedem toleriert: Electro-Tango scheint keine Feinde zu kennen. In analoger Art und Weise sind die Reisen nach Argentinien für Europäer, US-Amerikaner und Japanern seit der wirtschaftlichen Krise und der damit verbundenen Währungsabwertung des Peso „schwer angesagt“: Kultur und Natur, am Rio de la Plata in verschwenderischer Fülle dargeboten, sind auch für kleinere Geldbeutel bezahlbar geworden. „Qualitativ gut und preislich günstig“ könnte der Spot einer Werbekampagne lauten. Weiterhin könnte der nächste Spot dieses ergänzen und das Reiseziel als „Exotisch und gleichzeitig vertraut“ beschreiben. Alles passt wieder zusammen: diese Spots könnten auch für Gotan Project werben.
Die Möglichkeit für eine Reise oder für eine Art Musik mit denselben Inhalten werben zu können, lässt vermuten, dass Musik, Kultur und Mode viele Interdependenzen aufweisen. Sie laufen außerdem Hand in Hand mit wirtschaftlichen Faktoren, welche aber wiederum vom Willen der Konsumenten und Musikliebhaber beeinflusst werden. Wenn aber am Ende alle glücklich werden, könnte man dieses als völlig legitim, schön und gut bezeichnen.
Interessant wird es aber, wenn man annimmt, dass sich über die Schiene des musikalischen Konsums die Kultur und unser undefinierbarer Zeitgeist am Anfang des 21. Jahrhunderts viel besser nachvollziehen lassen als wenn man sie über rein wirtschaftliche Wege oder trockene analytische Modelle abbildet. Musik ist an sich eine Metapher voller Assoziationsmöglichkeiten, die uns leicht zu indirekten, aber sehr zutreffenden Überlegungen hinführen kann. Was findet man also auf dem neuen Werk von Gotan Project? |
Neues Album: überraschend und qualitativ
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Lunático, das neue Album, ist ein Elixier des Gehörs und beweist, dass es der Formation erneut gelungen ist, uns alle mit einer innovativen Weiterentwicklung des Genres zu überraschen. Seit ihrer ersten Veröffentlichung 2001 war es eher nicht zu erwarten, dass sich in Sachen Electro-Tango wesentliche Neuerungen abspielen – und Gotan Project tut es auch nicht, weil sie mit "Lunático" etwa ihrer Vergangenheit und den avisierten Erwartungen trotzen. In „Lunático“ spielen sie wieder frei, sie sind einen Schritt weiter als alle anderen Electro-Tango Gruppen und lassen ihrer Lust und Laune („Lunático“ bedeutet in spanisch „launisch“) ziemlich ungehemmt freien Lauf. Dabei fließen Beats oder andere breit gefächerte Pop-Rock Rhythmen ein. Hier findet man anreizende, abwechselnde elektronische Sounds, guten freigespielten und selbstkomponierten Tango sowie allgemeine exzellente Musikarrangements. Die erfolgreiche Rezeption des neuen Albums zeigt, dass kreative Produkte auch in weitgehend gesättigten Gesellschaften immer noch ihren Platz finden. Kurzum: Das Album ist qualitativ und überraschend zugleich - es kann vollauf überzeugen.
Das Rezept der Breite und Singularität in Einem
Warum ist nun die Musik von Gotan Project so schnell populär geworden? Ihr großer Vorzug besteht darin, dass sie sich sehr unterschiedlichen Kontexten anpasst und ihren Platz an differenten Szenen und Orten findet. Die Musik wird auf einer stilisierten Lounge-Bar, auf einer Milonga (Tangoabend im Ballhaus), auf einem Sommer-Konzert, zu Hause beim aufwachen, auf dem Weg zur Arbeitsstelle (oder zum Arbeitsamt) im iPod, in einem Tex-Mex-Restaurant oder auf einer Party mit elektronischer Weltmusik gespielt. Überall wird sie unterschiedlich wahrgenommen, jede Szene proklamiert Gotan für sich.
Was ermöglicht diese multiple Aneignung vom Electro-Tango des Gotan Projects? Es ist die Zusammenstellung ihrer musikalischen Elemente. Gotan Projekt legt besonderen Wert auf eine frische und saubere Mischung tradioneller Tango-Musik und modernen Beats-und-Loop-basierten Sounds. Somit werden viele unterschiedliche Zuhörer bedient. Auch Rock, Pop, Dub, Hip-Hop, Scratches und andere Arrangements kommen hinzu. Vor allem aber stimmt bei Gotan Project die richtige Dosierung: Sie sind die Könige in der Branche, weil sie sich so ausgiebig dem musikalischen Experiment gewidmet haben und dieses, sorgfältig gefiltert, auch in Veröffentlichungen umsetzen. Das neue Album „Lunático“ (2006) kommt erst 5 Jahren nach dem ersten Album, „La Revancha del Tango“ (2001) heraus, Gotan hat die Musik wie bei einem alten Wein ausruhen und leben lassen. Das Projekt hat die Impulse des Erfolges zur Weiterentwicklung seiner Musik und indirekterweise auch des Genres genutzt. Nicht nur die Mischung ist gut, die Musikelemente sind in sich qualitativ exzellent. So ist es zu erklären, dass Gotan Project bei den Tangoliebhabern als echter Tango gilt und beim Downbeat-Publikum die Musik ebenfalls perfekt ankommt. So musikalisch vielfältig wie Gotan Project ist, lässt sich nicht bezweifeln, dass in „Lunático“ der Tango viel stärker und klarer zur Geltung kommt als früher.
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| Die vierte Tango-Revolution? |
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In Sachen Tango ist es immer sehr delikat, eine Meinung zu äußern. Die Gefahr, dass man vom Tango etwas Falsches behauptet oder dass man eine der lebendigen oder toten historischen Persönlichkeiten des Genres beleidigt, ist groß. Nur ist hier nicht die Frage zu stellen, ob Carlos Gardel Argentinier oder Uruguayer von Geburt her war - es liegt vielmehr nahe zu vermuten, dass durch Gotan Project die vierte Tango-Revolution stattgefunden hat.
Nach der Geburt und Konsolidierung des Tangos als Stil (1.Phase), etabliert sich der Tango mit Bandoneon und Orchester (2. Phase), danach der freie Tango von Piazzolla (3. Phase) und zuletzt der Electro-Tango (4. Phase). Interessant wird dieser letzte Abschnitt, da man über die Geschichte des Tangos unendlich diskutieren kann. Gotan Project ist als Auslöser des vierten Durchbruchs zu bezeichnen. Die breite Akzeptanz des Electro-Tangos bei Milongas in Berlin, Buenos Aires und in anderen Städten der Welt spricht für eine einschlägige Anerkennung. Wir alle wissen, wie widerstandsfähig die Menschen überall in der Welt gegenüber Neuerungen sind. Da auf allen Milongas de Welt aber heutzutage Gotan Project gespielt wird- kann man sie nun ohne Übertreibung dem Tango-Establishment zurechnen.
Von Buenos Aires über Paris und in die Welt und zurück
Interessant ist es auch, sich die historische Tango-Achse zwischen Buenos Aires und Paris anzuschauen. Gotan Project stammt aus der "Metropole der Düfte" Paris, die aus Sicht der Porteños (Einwohner der Stadt Buenos Aires) der Argentinischen Hauptstadt architektonisch ähnelt. In Wirklichkeit ist es natürlich umgekehrt: Zuerst entstand Paris und erst dann wurde in Buenos Aires im 19. Jahrhundert nach französischem Muster gebaut. Der aus Argentinien stammende Tango konnte sich damals weltweit und in Argentinien etablieren, erst nachdem er in den Salonen von Paris in den 1920er bis 1930er Jahren seinen Platz gefunden hatte. Der Electro-Tango von Gotan Project – und somit auch von einer neuen Tangofusion - hat seine Geburt wieder in Paris erlebt. Diesmal sind aber die „Grenzen des hier und drüben“ nicht mehr so spürbar, da die Identitäten, Identifikationsmuster und die kulturellen Erzeugnisse der Nationalstaaten nicht mehr so stark ausgeprägt sind wie früher, sondern vielmehr durch die globalisierte Diaspora gekennzeichnet sind. Der Austausch zwischen den kulturellen Strömungen gleich welchen nationalen Ursprungs erfolgt heutzutage fast in einem ununterbrochenen Rhythmus.
Gotan Project ist das Resultat vom Zusammentreffen eines Tanguero-Exilargentiniers mit einem Holländer und einem Franzosen - beide aus der elektronischen Szene stammend. Nur in einer kosmopolitischen Großstadt können solche Menschen zusammenkommen. Und nur, weil sie schon in Paris und Europa erfolgreich waren, genossen sie danach die Aufmerksamkeit der Märkte in Argentinien. Dieses Land in der Peripherie (des Weltmarktes)richtete in der Historie seinen Blick stets nach außen - ohne zu merken, über welches Potenzial es selbst verfügte. Da sich das Wirtschaftsmodell Argentiniens nach der Peso-Abwertung auf den Export aller möglichen Waren umorientiert hat, schreibt man sich nun auch den Export des Electro-Tangos auf die Fahnen.
Ein weiteres fast dialektisches Merkmal des Tangos lässt sich hervorheben: Das Hin und Her der Musik und des Tanzes findet man in allen Phasen des Genres in der Musik wieder. Gotan Project erscheint wie eine Art Update dieser Beziehung im 21. Jahrhundert. Das Lebenspendel des Tangos ermöglicht hier und da zu sein, sich traurig und glücklich zu fühlen, sich in einem verliebten oder skeptischen Zustand zu befinden, arm oder reich zu sein und natürlich vieles mehr. Über den Tango kann man spielerisch in eine Gemütsverfassung eintauchen, die man eigentlich gerade nicht hat.
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Weltweite Eroberung und die Erfolgsfrage
Es gilt zu erwähnen, dass Gotan Project eine internationale Profilierung jenseits von Paris, Buenos Aires oder Berlin erreicht hat. Die multiplen Rezeptionsmöglichkeiten der Musikart innerhalb der gesellschaftlichen Subkulturen macht sie auch weltweit in vielen unterschiedlichen Metropolen beliebt. Gotan Project ist heutzutage ein Begriff in New York, Tokio, Rom, Madrid und vielen weiteren Metropolen. Auch wenn diese Städte in entfernten Ländern liegen, ähneln sie sich doch in ihrer Grundstruktur: Sie alle besitzen verschiedene globalisierte Subkulturen und differente Wertvorstellungen. So ähnelt die Welt eines Electro-Tango-Liebhabers aus Köln viel mehr der eines Electro-Tango-Konsumenten aus Montevideo als die Welt zwischen ihm vielen anderen seiner Landsleute.
Woran lässt sich aber letztendlich bemessen und behaupten, dass das Electro-Tango und Gotan Project so beliebt sind? Schlicht und einfach am Erfolg: Der Verkauf von CDs in Zeiten der gratis-downloadbaren Musik, die ausverkauften Shows, die breite Diffusion auf Radios, Bars, Clubs und in den Medien sprechen dafür. Wer diese marktwirtschaftliche Antwort nicht mag, kann sich gerne damit auseinandersetzen – aber erst, nachdem er die Show erlebt und sich das Album angehört hat. Über Musik kann man viel spekulieren und diskutieren, aber letztendlich geht es darum, ob man sie genießen kann oder nicht, dieses ist bei jedem anders und das Schöne dabei ist, dass es auch bei einem selbst jedes Mal anders sein kann.
Diego Siegelwachs, Berlin, Januar 2007 |
Diskografie ( - 2007):
La Revancha del Tango (Album, 2001)
Inspiración – Espiración (DJ Set, 2004)
Lunático (Album, 2006)
Diferente (EP, 2006)
El Norte (EP, 2006)
Weiterführende Links
http://www.gotanproject.com (Offizielle Webseite von Gotan Project)
http://de.wikipedia.org/wiki/Gotan_Project (Gotan Project in Wikipedia)
http://www.jazzecho.de/page_105930.jsp (Rezension zu „Lunático“ im JazzEcho)
http://www.jazzecho.de/page_21972.jsp (Rezension zu Inspiracion-Espiracion im JazzEcho)
http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/misc/newsid_3358000/3358569.stm (Rezension auf BBC)
http://www.tonspion.de/mp3.php?id=3749 (Rezension im TonSpion)
http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/g/gotan_project/lunatico/index.htm (Rezension in laut.de; für die Biographie weiter unten anklicken)
http://weblogmusic.wordpress.com/2006/07/25/gotan-project-lunatico/ (Beitrag auf Weblogmusic; siehe auch ‚Forum’ weiter unten)
http://www.pagina12.com.ar/diario/espectaculos/6-48642-2005-03-19.html (Beitrag zu Gotan Project auf der argentinischen Zeitung Pagina/12)
http://www.pagina12.com.ar/diario/espectaculos/6-32126-2004-03-02.html (Beitrag zur „aktuellen internationalen Landkarte“ des Tangos auf Pagina/12)
http://weblogs.clarin.com/cronicas/archives/2006/08/8_gotan_electronico.html (Blog auf der argentinischen Zeitung Clarín)
http://www.tangokultur.info/old/Electrotango.html (Allgemein zum Electro-Tango)
http://www.neotango.de/index.php?option=com_content&task=view&id=23&Itemid=35 (TangoFusionClub in München)
http://www.tangoberlin.de (Infos um die Tangoszene in Berlin, Tansgoszene in Buenos Aires, Festivals und viel mehr)
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