Die Musik selbst oder die Rhythmen sind - wie schon angedeutet -
hervorgegangen aus vielen schon vorhandenen lateinamerikanischen Rhythmen.
Und - jetzt kommt Kuba ins Spiel - die wichtigsten dieser Rhythmen kommen
tatsächlich von der Karibikinsel. Mambo,( hat auch haitianische Wurzeln!), Cha Cha Cha und vor allem der Son sind wohl die bedeutensten Geburtshelfer der
Salsa - auch daran gibt es nix zu zweifeln. Um es mit dem kubanischen
Musiker Issac Delgado zu sagen: 'El son es la esencia de la
salsa ...'. Tatsächlich ist es für Ungeübte schwer, Salsa und Son
voneinander zu unterscheiden. Man merkt es u.a. auch an der Clave, dem für
mich neben der Conga wohl wichtigsten Salsa-Rhythmusinstrument. Im Son ist
meist die 2-3 Clave ( tak tak ... tak tak tak ) zu hören, während in der
Salsa die Clave sehr oft 3-2 geschlagen wird ( tak tak tak ... tak tak ).
Einen andereren Unterschied gibt es in der Instrumentierung: Son-Bands
besitzen sehr oft eine Tres-Gitarre und eher selten eine Posaune, die in
der Salsa weit verbreitet ist. Eine sehr gute 'waschechte' Son-Band ist
übrigens in Berlin beheimatet: Sonido Tres .
Eine Anekdote am Rande. Nach seinem Konzert in
Berlin, hatten mein Freund Ronny und ich die Gelegenheit mit Eddie Palmieri zu
sprechen - ein legendärer in New York geborener puertorikanischer Pianist
und Komponist und einer der Urväter der Salsa. Ronny - ein Kubaner - sagte
zu Eddie: 'Eddie, Dein Bassist klang ja auffallend kubanisch.' ( er meinte
die Spielweise ). Daraufhin sagte Eddie Palmieri: 'Aber Ronny, was wir
machen, ist doch kubanische Musik!'. Wer Eddie Palmieri's stark
puertoricanisch geprägte Musik kennt, mag ermessen, wie bescheiden und
weise zugleich diese Antwort war. Ebenso äusserte sich zeitlebens die
Legende Tito Puente. Er wollte den Begriff Salsa nie
akzeptieren und sprach immer von afro-kubanischen Rhythmen, die er spiele.
Was war denn jetzt aber so aufregend neu in New
York, dass man sogar extra einen Namen für die Musik erfunden hat? Nun,
zunächst mal die Vermischung der verschiedenen Rhythmen nicht nur
kubanischen Ursprungs. In der Salsa wird man auch Einflüsse der Cumbia aus
Kolumbien wiederfinden ( Ein Beispiel ist 'La Vida es un carnaval'
von Celia Cruz ) ebenso wie Bomba
y Plena - ein Rhythmus aus Puerto Rico. Und auch Einflüsse aus dem
Jazz und anderer moderner, westlich geprägter Musik hat es gegeben. So wie
auch der Jazz viele Impulse aus der Salsa erhielt. Der Conga-Spieler Ray Barretto - auch einer der Pioniere der Salsa -
spielt heute nur noch Jazz. Ja sogar Elemente der Soul - Musik kann man in
der Salsa wiederfinden ( man besorge sich eine Platte der Gruppe
Ocho! ). Wen wunderts, denn der Ursprung all dieser Rhythmen liegt
tatsächlich in Afrika. New York wurde also seinem Ruf als grosser 'melting
pott' wieder einmal gerecht.
Das Neue an der Salsa war aber nicht nur die
Verschmelzung der Rhythmen. Die eigentliche 'Revolution' war in meinen
Augen keine musikalische, sie war sozialer Natur. Ähnlich der Black-Power
Bewegung der Schwarzen erhob hier eine ethnische Minderheit ihre Stimme
gegen Unterdrückung und Diskriminierung. Über den Timbales Spieler Manny Oquendo (eine der wichtigsten Figuren der New
Yorker Salsa-Szene) wurde mal folgendes von einem Musikjournalisten
geschrieben: 'Man hatte das Gefühl, der wütende Schlag der Sticks in den
Händen von Manny Oquendo auf die Timbales sollte die Welt verändern ...'.
Die vielen Latino-Einwanderer in New York fanden sich und ihre
Befindlichkeiten, ihr Leben im Barrio ( Spanish Harlem - Bereich
nordöstlich des Central Parks in Manhattan ), ihre Alltagssorgen, ihre
Identität und auch ihre Liebesaffären in den Texten der Salsa wieder. Und
das war wirklich neu! Die Texte. Sowas hatte es vorher in dem Ausmaß nicht
gegeben. Auf einmal hörte man nicht mehr nur ' ... los pollos queren mas
... ' und ähnliche zwar witzige aber harmlose Anspielungen. Auf einmal
ging es um das wirkliche Leben! Das war es, was die Musik so authentisch
gemacht hat. Die Sänger bekamen eine ganz neue Bedeutung. Der bekannteste
unter ihnen war zweifellos 'El Cantante de los Cantates' - Hector
Lavoe. Improvisationen nicht nur der Musiker sondern auch der
Sänger auf der Bühne, die aus dem Stehgreif neue Texte oder Texteile
erfanden und sofort sangen, waren an der Tagesordnung. Die Kunst der
Soneros lebte wieder auf. Einer, der diese Kunst heute noch beherscht, ist
einer meiner Lieblings-Sänger: Herman Olivera ( Sänger bei Manny Oquendo, Eddie Palmieri , Jimmy Bosch und beim gerade angesagten Spanish
Harlem Orchestra).
Unter dem Fania-Label wurden nicht nur die
Rhythmen zur Salsa vereint, auch Latinos aus vielen verschiedenen Ländern
musizierten vereint als Fania-All-Stars. Celia Cruz aus Kuba, Johnny Pacheco aus der Dominikanischen Republik,
Ruben Blades aus Panama, Cheo Feliciano aus Puerto Rico oder der in New York
geborene Willie Colon und viele andere ... sie alle
musizierten auf einer Bühne oder bei Plattenaufnahmen gemeinsam und
demonstrierten damit auch ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl der
Latinos.
Wie das so ist mit guten Dingen: Die Salsa wurde immer mehr
kommerzialisiert. Ruben Blades ( der bei Fania als Bürobote begann und
dann einer der grossen Zugpferde des Fania-Labels wurde ) schob dies in
einem Interview u.a. auch dem schon oben erwähnten Jerry Masucci in die Schuhe! Auf einmal ging es auch
um Verkaufszahlen. Dazu wurden dann die Texte und die Musik geschönt und
vereinfacht. Mitte der 80er entstand die sogenannte Salsa-Romantica. Es
ging in den schlagerartigen Songs fast nur noch um Liebe. Mit dem
Aufkommen dieser Spielart der Salsa verlor auch das 'Geburts'-Label der
Salsa - Fania Records - immer mehr an Bedeutung. Geschäftliche Pannen bei
Fania, und der aufkommende Merengue - Hype beschleunigten wohl auch diese
Entwicklung. Die Salsa-Brava, wie die kompromisslose Fania-Salsa auch
genannt wurde, wurde in den Hintergrund gedrängt. Neuer Star am Himmel der
Plattenlabel war RMM (Ritmo Mundo Musical), eine Firma von Ralph Mercado dem ehemaligen Manager des legendären
New Yorker Cheetah-Clubs (in dem auch die Fania-All-Stars auftraten). Auf einmal fanden sich
alle Musiker hier bei RMM versammelt. Von Celia Cruz bis Oscar D'Leon - alle nahmen bei RMM auf. Auch
bei RMM gab es ein breites Spektrum an Musik. Eddie Palmieri und Tito Puente haben bei RMM CD's produziert und
dabei Ihren Stil nicht verändert. Der Grossteil der
RMM-Produktionen war aber Salsa-Romantica. Unvergessen sicherlich
die Scheibe Combinación Perfecta, ein Projekt, bei dem jeweils 2
grossartige Salsa-Stars ein Duett miteinander sangen. Nicht nur Vivir
lo nuestro oder No vale la pena hört man heute noch - auch
Son de Celia oder Llego el Sabor sowie Soneros de
Bailadores waren ganz große Hits. Wobei die 3 letztgenannten eher der
Salsa-Brava zuzurechnen sind. Die Grenzen sind eben fliessend ...
Man kann sagen, dass in dieser Zeit das Klischee
von der vielbeschworenen Erotik der Salsa entstand, welches auch heute
noch gerne von nicht so gut informierten Journalisten in mehr oder weniger
wertvollen Zeitungsartikeln benutzt wird. Hardcore - Fans wiederum
verteufeln heute die Salsa-Romantica, ja es gab sogar Ende der 90er einen
Artikel im Internet ( The death of the Salsa ). Ich meine, diese Musik
gehört zur Geschichte der Salsa dazu. Und nicht alles war schlecht. Es gab
wirklich grossartige Produktionen. Eine meiner Lieblings - Salsa - Platten
ist z.B. Con Cache! aus dem Jahr 1984 von Louie Ramirez & Ray de la Paz . Freunde, das ist Salsa-Romantica
pur. Und zwar so gut gemacht, dass heute noch, auf den in Mode gekommenen
Festivals der Salsa-Brava-Tänzer, Titel dieser CD von den Star-DJ's rauf
und runtergespielt werden. Da heute die Texte offenbar weniger wichtig
sind, fällt der 'romatische Makel' dieser energiegeladenen
Salsa-Romanticas auch nicht mehr weiter auf :-)
Nach ca. 10 Jahren überwiegend romantischer Salsa
kamen dann wieder frische Impulse aus Kuba. Hier - in Kuba- schielte
niemand nach Verkaufszahlen. Die besten Umstände für die Geburt einer
neuen Musikrichtung innerhalb der Salsa. Die Timba wurde Anfang der
90er geboren - der Begriff geht wohl auf Juan
Formell ( Gründer und Chef von Los
Van Van ) zurück. Neu waren teilweise gerappte Gesangs-Einlagen.
Und auf der musikalischen Seite auch neu: Timba-Bands verwenden meist ein
komplettes 'westliches' Schlagzeug ( Batteria ) mit Bass Drum und
High-Hats anstelle der bis dahin üblichen Timbales (besteht aus 2 Trommeln
plus Kuhglocke). Das führte natürlich auch zu mehr 'Durchschlagskraft',
die Rhythmen wurden wieder härter. Teilweise so hart, dass sie für die bis
dahin 'eingelullten' Salsa-Romantica Fans unerträglich wurden. Ich hatte
das Glück, Anfang der 90er in Havanna viele der neu aufkommenden Stars wie
Issac Delgado oder Paulito und auch schon etablierte Bands wie Los
Van Van oder N.G.
La Banda live im damals berühmten El Palacio de la Salsa zu
erleben. Man spürte förmlich die Aufbruchstimmung. Da war etwas Neues!
Salsa war nicht tot!
Meiner Meinung nach führte der grosse weltweite
Erfolg der kubanischen Timba auch zu soetwas wie einer Rückbesinnung bei
den Puertoricanern. Irgendwie merkten sie, dass Salsa-Romantica nicht das
Ende des Weges sein konnte. Auch der Erfolg vieler kolumbianischer
Gruppen, die nie auf der Salsa-Romantica Welle mitschwammen, mag dazu
beigetragen haben. Erwähnt seien hier Joe
Arroyo (Rebelion!) oder Fruko - auch Niche, Sonora Carrusseles oder Grupo Gale. Was folgte war eine Rückbesinnung auf
die alten Stärken der Salsa. Gegenwärtig erlebt die Salsa Brava eine
Renaissance - allerdings mit alten - schon aus Fania-Tagen bekannten
Künstlern. Spanish Harlem Orchestra oder Wayne Gorbea, Jimmy Bosch, Johnny Polanco,
Son Boricua oder Soneros del Barrio heißen die neuen alten
Stars. Schon im Namen weisen viele auf die Ursprünge hin: Soneros del
Barrio, Spanish Harlem Orchestra.
Natürlich schaut man bei den Platten-Labels immer
noch auf die Verkaufszahlen. Und die sind - nicht nur für Salsa - leider
rückläufig. Hinzu kommt der Umstand, dass die Salsa gemessen an den
Umsätzen der Pop-Industrie schon immer 'nur ein Nischengeschäft' ( in der
Sprache der Plattenbosse ) war. Die Situation verschärft sich in den
heutigen Tagen natürlich. So sinkt die Bereitschaft, neue Künstler zu
fördern. Auch die hohen Kosten für Live-Auftritte machen es Anfängern
nicht leicht, da es sich ja immer um große Orchester handelt. 10 - 12
Musiker, Techniker und Manager wollen erst mal untergebracht werden, sie
wollen essen und für ihren Auftritt auch noch angemessen bezahlt werden.
Und wenn sie in Europa auftreten, muss auch jemand den Flug bezahlen.
Vielen Musikern geht es nicht gut, manche kehren wieder in alte Berufe
zurück. Auch das ehemals große Salsa-Label RMM gibt es nicht mehr.
Viele kleine Label engagieren sich nun für die Musik, teilweise verlegen
auch Künstler ihre CD's selbst ( z.B. Mamborama mussten ihre erste CD selbst
produzieren und vertreiben ).
Aber ich bin sicher, dass die Salsa auch diese
Krise überleben wird, denn es gibt viele Menschen auf der ganzen Welt, die
sich für diese Musik engagieren. Denn Salsa hat sich permanent verbreitet.
Auch die Afrikaner - für Tito Puente neben Kuba ja der eigentliche
Ursprung - sind voll mit dabei! Nicht nur die alles überragenden Stars
Africando (übrigens mit einem Vietnamesen am Piano)
- sondern auch Ricardo Lemvo & Makina Loca oder Interpreten wie
Tucando! oder Papa Wemba muss man hier nennen. Salsa-Gruppen mit
internationaler Reputation kommen auch aus solchen Ländern wie Japan (
z.B. Orquesta de la Luz oder Orquesta
Del Sol ). Ich besitze auch ausgezeichnete CD's von Gruppen aus
Schottland, Finnland, der Schweiz und natuerlich auch aus Deutschland. Wie
die Salsa ein ganzes Land erobern kann, beschreibt der Journalist Shuhei
Hosokawa in seinem Artikel -->hier
Salsa ist heute vielfältiger denn je. Und es ist ein Begriff, der
schwer allgemeingültig zu definieren ist. Ich finde, jeder muss 'seine'
Salsa für sich entdecken. Ich persönlich mag die Vielfalt. Wer sich nur
auf eine Richtung fixiert, weiss vielleicht gar nicht, was ihm entgeht.
Und nochmal: Die Grenzen sind fliessend. Entdeckt die Musik! Oder - wie
eine hamburgische Salsa-Disco als Motto verbreitet: 'Erlebe
Salsa!'
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